Robert Kruse
Obhut
Den Mittelpunkt der Ausstellung, die Elisabeth Wagner im Kunstverein Bremerhaven zeigt, bilden haubenartige, aus Papier geformte Objekte. Von dünnen Drahten gehalten. sind sie auf hohe, schmale Sockel aus unbehandeltem Holz montiert. Als Ensemble im Raum verteilt, vermitteln sie ganz selbstverständlich den Eindruck einer Schar von Frauen, Nonnen vielleicht oder Krankenschwestern, sich angeregt unterhaltend Eine archetypische Situation, in ihrem heiteren Zugleich von Uniformität und Individuellem sowohl erinnernd an die Bilder von Seminaristen im Schnee, die Mario Giacomelli in den fünfziger Jahren fotografierte, wie auch an neuere Lesarten der Geschichte von Nonnenklostern als dezidierten Orten, die Frauen über lange Perioden der Geschichte einen gewissen Freiraum boten.
Die betonte Sparsamkeit der Mittel fugt sich zunächst in diesen Kontext ein. Der Herstellungsprozeß, wenngleich sichtbar, macht sich selbst nicht zum Thema. Die Ausführung wird somit als scheinbar sekundär hinter die Inhalte verwiesen, was deren höhere Gewichtung impliziert. Papier ist andererseits traditionell ein Material des Entwurfs, des Vorläufigen. Noch starker als für die Zeichnung muß dies für die Skulptur gelten. Die Wahl dieses Materials stellt damit aber auch wiederum die Inhalte in Frage. An die Stelle eindeutiger Beziehungen von Inhalt und Form tritt das Spiel mit dem Verweis.
Es ist aber nicht die Vielzahl thematischer Anknüpfungspunkte, die den Betrachter unmittelbar anspricht, es ist ein Eindruck von Beseeltheit, der vom Ensemble ausgeht. Beseeltheit indes, als innig mit der Vorstellung eines Ganzen zusammenhangender Begriff, wird hier über dessen Repräsentation durch seine Teile als gebrochen vorgeführt, insoweit die einzelnen "leeren" Hauben mitunter eine fast gespenstische Anmutung vermitteln. Das Fehlen von etwas, das Moment der Auslassung bedingt eine Rezeption, die sich am Ganzen orientiert.
Die Zeichnungen repräsentieren einen Gegenpol, indem sie jeweils ein Ganzes vorfuhren, das einem traditionellen Begriff von Schönheit entspricht. Dazu bedient Elisabeth Wagner sich einer elaborierten Darstellungsform, die in ihrer Demonstration handwerklichen Könnens an die detailliert analysierenden Illustrationen in Naturkundebuchern erinnert. In Serie hingegen wirken die Zeichnungen wie eine meditative Übung, ein Ritual, das sich die Künstlerin auferlegt hat. Gelesen allein als Verweis auf klösterliche Produktionsweise, wäre hier der Faden der begonnenen Erzählung wieder aufgenommen.
Jenseits solch narrativer Inhalte erweisen sich die Zeichnungen als strategisches Vorgehen, sich der Obhut einer Form zu überantworten. Elisabeth Wagner thematisiert hier die Möglichkeit einer künstlerischen Haltung, in deren Konsequenz die Instanz des Künstlers hinter dem Dargestellten verschwindet. Eine Brechung dieser Haltung ist natürlich bereits dadurch gegeben, daß sie thematisiert wird und die Künstlerin auf der Ebene der Inszenierung präsent bleibt. Als Gegenentwurf zu den plastischen Arbeiten identifizieren die Zeichnungen ungebrochene Schönheit mit völliger Preisgabe. Die Auslassung, bei den Skulpturen sichtbar und an den Betrachter verwiesen, ist hier in den Prozeß verlegt.
Den beiden Gruppen, die diesen Diskurs betreiben, ist eine einzelne, sehr schlichte Arbeit gegenübergestellt, die als gewissermaßen persönlicher Kommentar zu lesen ist. Zunächst scheinen es allein die Variation der Grundform und das Material, die die Tasche in den gegebenen Kontext einbinden. Die radikale Vereinfachung erweist sie als direkte Übersetzung aus der Sprache der Begriffe in die der Form, unter Umgehung jeglicher Konnotationen. Auf die einfachste mögliche Form reduziert, thematisiert sie nicht die eigene Gegenständlichkeit, sondern verweist auf auszuführende Handlungen: reintun, raustun, säen, ernten, sammeln, unterwegssein. Sie bezieht sich dabei nicht auf etwas Dargestelltes, einen Gegenstand, der Handlung symbolisiert, sondern ist selbst unmittelbar Darstellungsform für Handlung.
Handlungen, die die künstlerische Haltung von Elisabeth Wagner kennzeichnen.
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