Dr. Gora Jain
"Zwischen Urbild und Abbild"
"Das Bild ist nicht nur Bild oder gar nur Abbild, es gehört zu der Gegenwart oder dem gegenwärtigen Gedächtnis des Dargestellten. Das macht sein eigentliches Wesen aus. […] …ein Porträt will gar nicht die Individualität, die es darstellt, so wiedergeben, wie sie in den Augen dieses oder jenes seines nächsten Menschen lebt. Es zeigt vielmehr notwendig eine Idealisierung, die vom Repräsentativen bis zum Intimsten unendliche Abstufungen durchlaufen kann. Solche Idealisierung ändert nichts daran, dass in einem Porträt eine Individualität dargestellt ist und nicht ein Typus, so sehr auch die porträtierte Individualität im Porträt aus dem Zufälligen und Privaten ins Wesenhafte ihrer gültigen Erscheinung erlöst sein mag."
In Gadamers 'Bild-Urbild Relation' wird nicht ein bloß reproduktiver, sondern vielmehr ein produktiver Darstellungsvorgang beschrieben, insofern erst das Bild dem Urbild zur sinnlichen Erscheinung und damit zur Existenz verhilft. Die kausale Rückbeziehung des Bildes auf ein Urbild, die sich in der philosophischen Tradition bis zu Platon zurückverfolgen ließe, ist auch Thema der künstlerischen Arbeit Elisabeth Wagners. Innerhalb dieser Auseinandersetzung wirft sie Fragen nach Verhältnismäßigkeiten und Wirkungsweisen von Urbild und Abbild, Idee und Ding, Gegenstand und Vorstellung, aber auch von Original und Kopie, Echtheit und Fälschung auf.
Bereits der Ausstellungstitel Falsche Freunde kann als Metapher gelten. Er umfasst Beispiele aus drei Werkgruppen, an denen die Künstlerin in den letzten Jahren intensiv arbeitet. Es handelt sich hierbei um äußerst detailliert gearbeitete Porträts, die sich als aus Gips gefertigte Halbfiguren, Büsten und Kopfdarstellungen auf hohen Pappsockeln präsentieren. Einen Kontrast hierzu – allein schon durch den Umgang mit dem Material – bilden die grob in Ton modellierten Masken und die sogenannten Klunker aus roh bearbeiteter Kartonpappe. Bei letzteren steht das schwarzdunkel, matt gestrichene Material für sich und im offensichtlichen Gegensatz zur kristallinen, durchsichtigen Struktur kostbar geschliffener Kristalle oder zur schimmernden Transparenz polierter Perlen, die als 'Vorbild' dienten. Material und Bearbeitungsweise widersprechen dem inhaltlichen Kontext, den die Skulpturen veranschaulichen.
Die Masken dienen der Bannung eines persönlichen Ausdrucksvermögens zugunsten des überindividuellen Ausdrucks innerer menschlicher Verfassung. Durch die Typisierung des menschlichen Antlitzes ohne materiell fassbares 'Vorbild' begibt sich Wagner auf die Suche nach einem überpersönlichen, emotionalen Ausdruck, der allgemeingültig sein kann.
Insbesondere die Porträts spiegeln Wagners Konzeption des künstlerischen Bildes als Abbild des Abbildes eines intelligiblen Urbildes wider. Im platonischen Sinne meint dies die I d e e, die als Urbild der Dinge selbst (hier: der dargestellten Person) existiert. Lange Zeit vermeidet die Bildhauerin figürliches Arbeiten, wenngleich sie zu Beginn ihrer Ausbildung über Wilhelm Loth mit der figürlichen-gegenständlichen Arbeitsweise vertraut gemacht wird. Dies zeigen frühe Arbeiten, die Mitte der siebziger Jahre entstehen. Im Anschluss daran gelangt sie durch Franz Erhardt Walther zu einem mehr konzeptionellen Vorgehen, an dem sie viele Jahre bevorzugt festhält. Erst Ende der neunziger Jahre erfolgt eine erneute Hinwendung zur figürlichen Darstellungsform in einer nunmehr spezifischen Auseinandersetzung mit dem Menschlichen. Sie begibt sich dabei auf die Suche nach dem Wesen des Menschen, nach der 'Keim-/Urzelle' des Menschlichen. Gerade hierfür finden sich Anregungen in den künstlerischen Konzepten Wilhelm Lehmbrucks und Joseph Beuys', die sich beide auf der Suche nach einem 'Plastischen Prinzip' befanden, das jenseits der sichtbaren Realität zu liegen scheint.
Wagner beleuchtet Entwicklungen, Bewusstseinsprozesse und schließlich auch gesellschaftliche Zusammenhänge, in denen Menschen vergangener Epochen standen und in denen der heutige Mensch steht. In ihren Porträts schafft sie einen Querschnitt durch die Historie des menschlichen Bildnisses von nahezu sechs Jahrhunderten. Hierfür geht sie von Bildvorlagen aus, auf denen zum Teil sehr bekannte Persönlichkeiten von berühmten Künstlern der Zeit porträtiert wurden. Diese zweidimensionalen Malerei-Vorlagen werden in die dreidimensionale skulpturale Form als plastische Halbfiguren, Büsten oder Köpfe überführt und dadurch Körperlichkeit und Volumen den Personen zurückgegeben. Man kann sie nun auch von hinten sehen! Von einigen Motiven entstehen mehrere Güsse, die sich durch einen veränderten Ausschnitt und durch unterschiedliche Bemalung voneinander unterscheiden. Wagner unterzieht die plastische Form weiteren Feinarbeiten und einer subtilen, mehrschichtigen Farbgestaltung. Die Weißblässe des Materials bleibt als Grundton erhalten, wird farbig und akzentuiert eingefasst. Verfremdet im unwirklichen Weiß des gipsernen Leibes wirken die Figuren durch die matte Oberflächenstruktur und die 'Weiß-Farbigkeit' entrückt. Weiß dient nicht nur als Oberflächenfarbe, sondern auch in der Beleuchtungsbedeutung des Lichts. Gegenständliches und Abstraktes verschmelzen zu einer Einheit.
Insgesamt sind auf diese Weise bislang acht verschiedene Personenmotive entstanden, um nur einige Beispiele zu nennen: beginnend bei Jan van Eycks Arnolfini Doppelporträt (Giovanni mit und ohne Hut) von 1434 über Albrecht Dürers Lucretia (Detail aus Selbstmord der Lucretia) von 1518, Velázquez' Philipp IV. (zwischen 1610-30 entstanden), Francisco de Goyas Maria Luisa (Detail aus Die Familie Karls IV.) von 1801 bis hin zum aktuellen Bild der heute zehnjährigen Tochter Roberta von Jeanne Faust. Es sind Frauen, Männer und Kinder unterschiedlicher Epochen sowie unterschiedlichen Alters und Standes. Sie stehen jeweils für eine Zeit, eine Situation oder bestimmte Lebenserfahrung.
Elisabeth Wagner begibt sich auf die Suche nach dem Menschen dahinter, sie umkreist das Individuum. Mit der Malereivorlage geht sie vom Abbild aus, dem sie nicht nachahmend, sondern neu findend nachspürt. Sie versucht über das Bild und unter Einbezug von bildexternen Angaben, Beobachtungen (z.B. Lebensbeschreibungen) und aus dem Kontext (erhaltene Inschriften, Kleidung, Haartracht) auf die ehedem Gemeinten zu schließen und dabei das Urbild zu ertasten und erfahrbar zu machen. Der Mensch erschöpft sich nicht in dem, was man von ihm sinnlich wahrnehmen kann. Vielmehr erscheint er als ein Wesen, welches in Polaritäten lebt, welches eine physische und eine geistige Existenz besitzt. In dieser Dreiheit von Geist, Leib und dazwischen vermittelnder Seele drückt sich der Mensch erst als Ganzes aus.
Die Bedeutung des Porträts erklärt sich in Wagners Arbeiten aus dessen Bindung an ein außerkünstlerisches Interesse am Bild, das dem Dargestellten gilt. Denn das Porträt selbst sagt nicht, wer der Dargestellte ist, sondern nur, dass es sich um ein bestimmtes Individuum handelt. Damit macht sie das Porträt zur Grundlage der ästhetischen Betrachtung auf der Suche nach dem Wesen des Menschen, oder besser: der Idee vom Menschen dahinter.
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