Glasperlenspiele in der Kaserne

Durch seitliches Licht werden kostbar geschliffene Glaskugeln, auf festem Edelstahldraht aufgefädelt, hoch auf der Treppenhauswand, zum Leuchten gebracht. Sie sind der Größe nach geordnet, doch in den Farben in eigenem Rhythmus wie spielerisch zusammengestellt. Die Halskette eines Kindes ist hier überdimensionales Bild geworden, so schön, so scheint es, wie es der Zufall - oder kindliches Gespür - will. Kalkül und Unbestimmtheit, Simulation und Schein bestimmen dieses ungewöhnliche "Glasperlenspiel" der in Kiel lehrenden Bildhauerin Elisabeth Wagner im Betreuungsgebäude der Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw. Hier wird nicht militärisches Handeln und Mannesmut heroisiert, keine moralische Grundlagendiskussion bildlich gefaßt. Kunst am Bau in den neunziger Jahren ist stets ortspezifisch, ein Gedankenspiel auch der privaten Bilder. Die Situation des Soldaten in seiner Gruppe mag hier alludiert sein, die Stellung, die das Kommando Spezialkräfte einnimmt im Gefüge politischer Intentionen, nationaler Interessen, der menschlichen Rechtfertigungen eines militärischen Einsatzes. Wenn man, was in Calw nahe liegt, das Werk auf Hermann Hesses "Glasperlenspiel" bezieht, so formt sich ein gedankliches Gewebe"mit sämtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur" (H. Hesse). Es ist ein "Spiel" um humanistische Ideen, den Drang nach Regelhaftigkeit, Einheit und Versöhnung, bei aller Zerbrechlichkeit des Materiellen wie des ideellen Ganzen, das als solches undurchschaubar bleibt, und dem der Einzelne dennoch in der Gemeinschaft dient.

So entsteht ein Bild, das als Kunstwerk vom Selbstzweck spricht, von Spiritualität und Erfindungsgabe, diesem unendlichen Horizont, dem nichts als ein Bild greifbar Wirklichkeit verschafft. Existenz gründet in einem Spiel um Leben und Tod, das richtig, wichtig und notwendig erscheint, und doch nur - oder immerhin - auf der Fiktion beruht, daß die Welt und die menschliche Gemeinschaft eine zur Gänze zu ordnende sei. So ruht im menschlichen Denken und Handeln immer auch der hoffnungsfrohe Ernst des Kindes, dem die Glaskugel, die Kette - für einen Moment wenigstens - das kostbarste Gut auf der Welt erscheint.

Dr. Dirk Teuber Staatliche Kunstballe Baden-Baden




Auszug aus dem Erläuterungstext vom November 1998:

Im Neubau der Graf-Zeppelin-Kaserne werden die bisher getrennt in unterschiedlichen Gebäuden untergebrachten Verpflegungs- und Betreuungseinrichtungen der einzelnen Dienstgradgruppen des KSK (Kommando Spezialkräfte) unter einem Dach zusammengeführt. Hier, an der Schnittstelle der Kommunikation, in der Eingangshalle des Neubaus befindet sich die künstlerische Arbeit: Eine Skulptur mit dem Titel "Das Pendant". Sie stellt auf verschiedenen Ebenen eine Verbindung zum KSK her: So wie die einzelnen Perlen notwendiges Bindeglied in dieser Kette sind und sich, verschieden in Farbe und Größe, zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen, so sind sie auch ein Bild für den Zusammenhalt in der Gemeinschaft des KSK.

Die Kostbarkeit des Materials, seine farbige Durchsichtigkeit, seine assoziierte Zerbrechlichkeit stehen im Kontrast zur Kühle und Sachlichkeit einer Architektur aus Stahl, Glas und Beton.

An diesem Ort, an dem Präzision und Perfektion sowie die Unterordnung des Privaten unter den dienstlichen Auftrag im Zentrum stehen, bringt die Glaskette zum Vorschein, was eine Ergänzung bildet: Schönheit, Transparenz, spielerischen Glanz, Leichtigkeit und Zärtlichkeit. Sie symbolisiert das fehlende Pendant. Sie entspricht einem anderen Lebensbereich, den es zu hüten gilt.

Elisabeth Wagner




Das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr ist eine Einheit, die in besonderen und schwierigen Krisensituationen und Konflikten zum Einsatz kommt.

Das Pendant
1998/99
42 Glasperlen, Edelstahlverbindung
470 x 270 x 40cm
Graf-Zeppelin-Kaserne Calw
Neubau, Wirtschafts- und Betreuungsgebäude des KSK

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