Markus Stegmann
Leichter als Luft
"Robertas fliegendes Pferd" von Elisabeth Wagner
Ein Kind sitzt still und stumm im Haus, ganz in sich versunken, die äussere Welt um sich herum kaum mehr wahrnehmend, so ruhig und gelöst, so abwesend und träumend. Obwohl beinahe in Lebensgrösse dargestellt, befreite Elisabeth Wagner das Kind durch eine lebendig bewegte Oberfläche und eine zarte, pastellene Farbigkeit von den naturalistischen Fesseln. Es ist eine filigrane Flüchtigkeit vor allzu ausgeprägter diesseitiger Nähe, die sich auf das Gesicht des Kindes legt, sich in sein Haar und sein Gewand verwebt. Indem Gesicht, Hemd und Hände farblich kaum voneinander unterschieden sind, tritt eine weitere Entfernung des Kindes von unserer Lebenswirklichkeit hinzu, von der oftmals übertrieben bunten, aufdringlich lauten Farbigkeit gegenwärtiger Kinderkleidung. Wo im Alltagsleben grelle Reize blasse Kinder überstrahlen, entzieht Elisabeth Wagner diesem Getöse den Boden unter den Füssen, befreit die Figur des Kindes vom billigen Brimborium seiner Zeit und führt es auf die wesentlichen Bedingungen menschlicher Existenz zurück. Nicht die Kleidung zählt, sondern das Kind, nicht der Aufdruck auf dem Hemd, sondern der Ausdruck des Gesichts.
Es ist natürlich kein Zufall, dass diese Rückführung auf die elementaren Eigenschaften des Menschen an einem Ort stattfindet, an dem es angesichts ernster Krankheiten oder Verletzungen um die Existenz des Kindes geht und nicht um seine Hülle oder sein Styling. Die innere Ruhe des dargestellten Kindes, seine Geduld, an diesem Ort auf das zu warten, was kommen wird, sind Ausschlag gebend. Und damit seine Bereitschaft das hinzunehmen, was sich im weiteren Verlauf an der Klinik herausstellen mag, ob die erhoffte Wiedererlangung der Gesundheit, eine bleibende Beeinträchtigung oder gar der bevorstehende Tod. All das ist hier möglich und wird von einem Gesichtsausdruck und einer Körperhaltung vermittelt, für die wir heute den treffenden Begriff beinahe verloren haben: Duldsamkeit. Unsere lärmende, hektisch tickende Zeit mag keine Duldsamkeit. In einer Phase krankheitsbedingter Krise kehrt jedoch etwas wieder zurück, das wir aus unserem Alltag längst vertrieben haben, das uns zu langsam, zu wenig selbstbewusst und daher zu langweilig erschien. Aber dieses Kind ist nicht nur ein Kind für andere Kinder, sondern auch und gerade eines für die Eltern, von welchen heute viele das Gefühl haben, an einer Universitätsklinik könne alles gemacht und getan werden, auch das Unmögliche. Ein Kind aus einer anderen Welt verweist uns durch seine Ruhe und Sammlung darauf, dass sich während des Krankheitsverlaufs die Dinge unvorhersehbar entwickeln können und ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu beeinflussen sind, so technisch hochgerüstet eine Klinik auch sein mag. Es kann Situationen geben, in denen niemand um das Ertragen und Aushalten herum kommt, weder Kinder noch Eltern. Niemand wünscht sich das, und doch kann es allen passieren, von einem Tag auf den anderen, ohne Ankündigung.
Aber das Kind ist nicht allein. Die Augen leicht gesenkt, ist es der Welt draussen zugewandt. Es hat jedoch noch nicht gesehen, was wir längst schon entdeckt haben: Ein heiter springendes, kindliches Pferd, das draussen munter durch die Lüfte trabt mit einem wild wirbelnden Schweif, hoch über einem Kiesbett, das auch als leicht gekräuselte Wasserfläche vorstellbar ist. Unbeschwert und frei wirft es seine vier Hufe in die Luft, prescht mit jugendlichem Elan heran und scheint uns zu fragen: Was steht ihr hier so traurig und betrübt? Kommt heraus zu mir und lasst uns fort durch die Lüfte reiten. Mit dem Pferd verbindet sich symbolisch die Freiheit, jederzeit überallhin gelangen zu können, wohin man nur will, also genau das zu tun, was das Kind gerade nicht tun kann und was es sich im Innersten vielleicht am liebsten wünscht. Die beträchtliche räumliche Entfernung zwischen beiden betont die unerfüllte Sehnsucht des Kindes, dem Krankenbett zu entfliehen und an einen anderen, schöneren Ort zu reiten. Ein Sinnbild für Hoffnung und eine wunderbare, Skulptur gewordene Metapher für die Kraft des menschlichen Vorstellungsvermögens und der Freiheit. Vermutlich aber hat das Kind die nahende Gegenwart des Pferdes noch gar nicht bemerkt, sonst wäre wahrscheinlich auf seinem Gesicht helle Freude statt stiller Versunkenheit ablesbar. Der entscheidende Moment der Gewahrwerdung des Pferdes und damit der Möglichkeit, fort zu gelangen, steht also unmittelbar bevor.
Der ungestüme, unbeschwerte Ausdruck des Pferdes von Elisabeth Wagner ist insofern bemerkenswert, als Pferdeskulpturen in der Kunstgeschichte zumeist in Gestalt von Reiterstandbildern auftreten, die üblicherweise als patriarchalische Macht- beziehungsweise Machterhaltungssymbole zu deuten sind, welcher Epoche sie auch angehören. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts lösen sich allmählich diese alten, traditionellen Muster auf, beispielsweise in den berühmten Pferdeskulpturen des italienischen Künstlers Marino Marini der vierziger und fünfziger Jahre. Robertas fliegendes Pferd vor der Kinderklinik hat sich seines Reiters entledigt und ist in seinem jugendlichen Überschwang den kunsthistorisch-politischen Zwängen mühelos entkommen.
Bezeichnenderweise wählte Elisabeth Wagner auch nicht die Figur des Pegasus, jenes Pferdes mit zwei Flügeln, das in der griechischen Mythologie durch die Lüfte ritt, Kind des Meeresgottes Poseidon und der Gorgone Medusa. Homer schildert in der Ilias, wie der Reiter Bellerophon auf dem Pegasus die Chimäre tötete, ein feuerspeiendes Mischwesen aus Löwe, Ziege und Schlange. Bei einem fliegenden Pferd wäre die Figur des Pegasus nicht ganz undenkbar, doch die Intention der Künstlerin geht in eine andere Richtung: Sie verzichtet bewusst auf kunsthistorische wie mythologische Anspielungen und damit auf eine Symbolsprache, die als Ausdrucksmittel heutigen Kunstschaffens längst fragwürdig geworden ist. Indem Elisabeth Wagner Kind und Pferd räumlich voneinander trennt, gelingt es ihr, das Thema Pferd und Reiter um eine neue skulpturale Findung zu erweitern, die unserer Zeit entspricht. Erst in der Vorstellung wachsen Kind und Pferd zusammen, um gemeinsam auf und davon zu reiten. Die unbeschwerte Neubefragung dieses traditionellen und manchmal auch belasteten Sujets hat etwas entwaffnend Befreiendes und Aufrichtiges an sich: Kind und Pferd verschanzen sich nicht hinter formelhaften Gesten auf symbolischer Ebene, sondern zeigen sich offen und verletzlich. Der Ritt in die Freiheit findet nicht in der Realität statt, sondern in unserer Vorstellung. In Wirklichkeit sind Kind und Pferd getrennt, müssen erst noch zueinander finden, und es bleibt offen, ob ihnen das überhaupt gelingt. Doch genau in dieser Spannung zwischen Trennung und Verbindung, zwischen Wunsch und Wirklichkeit kommt die zerbrechliche Ambivalenz unserer Zeit zum Vorschein. Das Unerreichbare wird vorstellbar.
Was ist leichter als Luft? Die Gedanken und Wünsche, die Hoffnungen und Träume.
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