Zwischen den Räumen

Menschliche Existenz ist gebunden an die Erfahrung von Zeit und Raum. Sie gewinnt so ihre sozialen Bindungen, die kulturelle Traditionen in Bewusstseinshorizonten produzieren und wird damit am jeweiligen Ort wirklich und wirksam. Das Verhältnis zu Zeit und Zeitlichkeit rückt ins Bewusstsein, wenn Krankheit, Leiden, Angst und Sorge um die Zukunft sich einstellt. Der Leib zeigt sich dann besonders als eigener wie als einzig authentisch empfundener Raum. Nur der eigene Körper ist der Raum des Selbst, des Bewusstseins von sich, wie offen, wie verletzlich und nicht fassbar auch immer.

Sieben Halbbüsten auf hochpoliertem schwarzem Granit, eingebettet in grauschwarzes Granulat, scheinen im verglasten Innenhof der Frauenklinik über ungreifbarem Grund zu schweben. Elisabeth Wagner vergegenwärtigt in diesen Bildnissen Frauen aus der Geschichte der Kunst. Sie übersetzt Illusionismen klassischer Porträtmalerei in die Dreidimensionalität eines Figurenensembles, gibt den Frauen gleichsam ihren Körper zurück, modelliert in Ton, abgegossen in weißem Zement, blass, behutsam farbig gefasst, ohne die haptische Materialität des plastischen Materials zu tilgen. Renommierte Maler stehen Pate. Gleich zweimal erscheint das Bildnis eines Mädchens (1470) von Petrus Christus. Zusammen mit Giorgione da Castelfrancos La Vecchia (1505), jener alten Frau die col tempo - mit der Zeit - dargestellt ist und den Verlust einer Lebenszeit zu beklagen scheint, bilden sie den Anfang einer Reihe, die über Albrecht Dürers Lucretia (1518), Bildnis eines jungen Mädchens (1515), Rembrandts Saskia (1636) bis zu Francisco Goyas Königin Maria Luisa (1801) reicht. Zitiert ist damit zugleich die Historie des menschlichen Portraits. Es sind Frauen in unterschiedlichem Alter, unterschiedlichen Lebenssituationen, in unterschiedlichem Wissen um das, was Leben bedeuten mag. Hier scheint tragische Hinfälligkeit auf, dort blühend verhaltene Lust, auch Konzentration auf sich selbst, und - nicht ohne staunenden Humor - auf die Welt.

Es sind Frauen, die für das Leben, seine Kontinuität in einer ziellosen Geschichte und seine unverwechselbare wie bedeutungsoffene Authentizität am jeweiligen historischen Ort stehen. Als Geste der Kunst stehen sie für das Bewusstsein, teilzuhaben an einem vielschichtigen Dialog um Sehen, Erkenntnis, um Bewahren, Erinnern und zur Erscheinung bringen. Sie stehen für den immer wieder zweifelnden Glauben an das Bild, vergegenwärtigt und vervielfältigt ins Endlose gebrochen in den Spiegelungen der umliegenden Fensterfronten.

Die Frage nach der eigenen Lebenswirklichkeit, mit allen Hoffnungen, allen Ängsten, der Frage nach dem Fortbestand des Selbst, des Menschen, der Menschheit, nach dem lebendigen Leib, der zugleich der Ort der Krankheit und Grund des eigenen Todes, des Verlöschens des eigenen Wissens um die Welt ist, sind Momente, die an diesem Ort Patientinnen vor allem, aber auch Angehörige, Freunde, Ärzte und das Pflegepersonal bewegen mögen. In dieser Situation vermag Sehen und Verweilen Heil und Heilung befördern. In dieser Situation, die geprägt ist von Unsicherheit und Angst, kann Trost nur geboten sein, der die eigene BeŽndlichkeit spiegelt als in ein bindendes Gefüge zwischen Hoffnung und Traumata verstrickt. Und so sind diese Bildnisse den Bewegungen der Atmosphäre ausgesetzt, der unendlichen, der - wie manche meinen - unbewussten Natur, die Zeit als Verlust nicht kennt.

Dr. Dirk Teuber, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden


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